Der V-Mann als mutmaßlicher Dealer

In Würzburg steht zur Zeit ein Mitglied der Rockergruppierung Bandidos vor Gericht. Der 45-Jährige soll den Kreis Kitzingen mit Crystal-Speed aus einer tschechischen Drogenküche versorgt haben. Eine besondere Note bekommt der Prozess durch die V-Mann-Tätigkeit des Rockers für das bayerische Landeskriminalamt.

Am 23.11.2011 wurde der Mann im Rahmen der „verdachtsunabhängigen Schleierfahndung“ bei Waldsassen (Landkreisreis Tirschenreuth) kontrolliert. Hierbei stellte sich der Rocker den Fahndern als eine Art Kollege vor. Unterwegs war er in einem vom LKA zur Verfügung gestellten Mercedes mit Fürther Kennzeichen und einer ebenfalls vom LKA ausgestellten Tankkarte. Als die Beamten bei einer Durchsuchung des Mannes zehn Gramm Crystal in seiner Unterwäsche fanden wurde er festgenommen. Auf der Polizeiinspektion in Waldsassen gab der Rocker den Namen und eine Telefonnummer eines LKA- Mitarbeiters an, der sofort von seiner Festnahme verständigt werden müsse. Der soll für seinen Informanten zwar keine Sonderbehandlung verlangt haben, trotzdem wurde der Festgenommene am späten Nachmittag wieder freigelassen und fuhr mit dem, vom bayerischen Innenministerium gesponsorten, Mercedes davon. Kurz darauf bekam die Polizei in Waldsassen Besuch von zwei LKA-Beamten.

Der Auftrag in dem der Rocker für die bayerischen Behörden gespitzelt hatte war ebenfalls Gegenstand der Verhandlung. Dieser Sachverhalt wurde allerdings erst verhandelt als die Öffentlichkeit und die Presse ausgeschlossen war. Nur unter dieser Voraussetzung hatte der für den V-Mann zuständige LKA-Beamte von seinen Vorgesetzten eine Aussagegenehmigung erhalten. Es wäre möglich, dass der V-Mann wegen Verbindungen der Rockerszene zu organisierten Neonazis installiert wurde. Das Regensburger Chapter der Bandidos, in dem der Mann Mitglied war, hat mit dem stellvertretenden NPD-Bundesvorsitzenden Sascha Roßmüller einen bundesweit bekannten und aktiven Neonazi in seinen Reihen.

Die Frage ob der Angeklagte mit Wissen oder gar im Auftrag seiner Vorgesetzten beim bayerischen LKA gedealt hat oder ob er seinen V-Mann-Status für private Geschäfte ausgenutzt hat, wird eine der zentralen Fragen in dem Prozess. Dass der Mann vergangenes Jahr als Dealer vor allem seine im Landkreis Kitzingen lebende Tochter, mit meist hochwertigem Crystal Speed aus der tschechischen Grenzstadt Cheb (Eger) belieferte, scheint derweil unstrittig. Mehrere Zeugen haben dies bereits bestätigt, unter anderem der künftige Schwiegersohn des Angeklagten. Der spitzelnde Rocker ist kein unbeschriebenes Blatt, zur Tatzeit stand er unter doppelter Bewährung. Über ein Dutzend Vorstrafen wurden verlesen, darunter die Bildung einer kriminellen Vereinigung in Italien. Die Staatsanwaltschaft hat einen psychiatrischen Sachverständigen gebeten, auch die Frage nach Sicherungsverwahrung in seinem Gutachten zu berücksichtigen. Der Prozess wird fortgesetzt.


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