Die Studentenverbindung Thessalia zu Prag in Bayreuth – eine Bestandsaufnahme

Der Triumph der extremen Rechten beim außerordentlichen Burschentag der Deutschen Burschenschaft (DB) am Wochenende in Stuttgart hat für mediales Aufsehen gesorgt. Bei dem Sondertreffen von Abgesandten der etwa 100 Burschenschaften in der DB hatten sich am Wochenende in allen Belangen völkische Bünde gegen die eher gemäßigten Burschenschaften durchgesetzt. Auch im oberfränkischen Bayreuth existiert ein Rechtsausleger der DB: Die Burschenschaft Thessalia zu Prag in Bayreuth.

Die Geschichte der Thessalen

Gegründet wurde die Thessalia im Dezember 1864 an der philosophischen Fakultät der Karlsuniversität in Prag. 1938 wurde die Thessalia im Rahmen der Gleichschaltung durch den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund aufgelöst und bestand bis 1945 in der Kameradschaft „Deutschherrenritter“ fort. 1949 konnte die pflichtschlagende Studentenverbindung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München wiedereröffnen und fusionierte 1961 mit der Burschenschaft Askania. Im Sommersemester 1970 siedelte die Thessalia nach Regensburg über, bevor sie schließlich 1990 in Bayreuth ihren Sitz nahm. Desweiteren ist sie Gründungsmitglied der 1961 ins Leben gerufenen Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG), deren Mitgliedsbünde aufgrund neonazistischer Tendenzen zum Teil unter der Beobachtung durch die deutschen Verfassungsschutzbehörden stehen.

Verbindungen zum organisierten Neonazismus

Die erste Erwähnung der Thessalia im Zusammenhang mit neonazistischen Aktivitäten findet sich in einer Studienarbeit von 1997. Der Arbeit zufolge soll die Thessalia an internationalen Treffen von Autonomisten, Neonazis und ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS im belgischen Diksmuide teilgenommen haben. Organisiert wurde die internationale Zusammenkunft vom Vlaamse Militanten Orde (Flämischer militanter Orden).

Der Neonazi Jürgen Schwab sorgte für weitere Negativschlagzeilen bei der Thessalia, der braune Publizist war Mitglied der Bayreuther Verbindung. Seine Mitgliedschaft bei den Republikanern schien die Thessalia anfänglich ebenso wenig zu stören, wie sein späteres Parteibuch der NPD. Während seiner NPD-Mitgliedschaft war er Autor der Parteizeitung Deutsche Stimme sowie Leiter des Arbeitskreises Volk und Staat beim NPD-Parteivorstand. Innerhalb der DB ließ er sich 1997 in den Ausschuss für Öffentlichkeitsarbeit wählen. Als das öffentliche Aufsehen um die Person Schwab zu groß wurde, stellte der ehemalige Kreisvorsitzende der CDU in Leipzig Kurt-Ulrich Mayer, der gleichzeitig Alter Herr der Thessalia ist, einen Ausschlußantrag. 2002 wurde Schwab aus der Thessalia entfernt. Heute steht Jürgen Schwab dem militanten bayerischen Kameradschaftsnetzwerk „Freies Netz Süd“ nahe, auf dessen Internetpräsenz seine Kolumnen veröffentlicht werden.

Nach der Jahrtausendwende begannen zwei weitere Akteure der extremen Rechten ihre Laufbahn bei der Thessalia zu Prag in Bayreuth. Der aus dem Landkreis Wunsiedel stammende Andreas Wölfel nahm an der Universität Bayreuth ein Studium der Rechtswissenschaften auf, das er mittlerweile abgeschlossen hat. Wölfel war bis mindestens 2010 Mitglied der NPD und beteiligte sich seit spätestens 2006 an neonazistischen Aufmärschen und Kundgebungen. Zuletzt trat er öffentlich bei einer, von der oberfränkischen NPD organisierten, Kundgebung gegen einen Minarettbau in Coburg in Erscheinung. Andreas Wölfel betreibt heute mit Steffen Hammer, ehemals Sänger der Neonaziband „Noie Werte“, eine Rechtsanwaltskanzlei in Weißenstadt bei Wunsiedel. Mit einem Song von „Noie Werte“ ist eines der NSU-Bekennervideos unterlegt.

Der aus Rudolstadt in Thüringen nach Bayreuth verzogene Mario Brehme war Aktivist und zeitweise Vizechef des Thüringer Heimatschutz und begann spätestens im Jahr 2004 ein Jura-Studium an der Bayreuther Universität. Bereits 1996 reist Mario Brehme in das Vereinshaus der Bayreuther Thessalia, im Juli des selben Jahres beginnt sein Wehrdienst bei der Bundeswehr im oberbayerischen Traunstein. Dort wird er zum Einzelkämpfer ausgebildet, bei der Entlassung bescheinigte man ihm, dass er seinen Dienst „zur vollsten Zufriedenheit“ absolviert hat. Noch 2010 befand sich sein Name auf einem Klingelschild am Verbindungshaus der Thessalen. Der Thüringer Heimatschutz gilt heute als maßgebliches Unterstützungsnetzwerk des rechtsterroristischen NSU.

Die Inhalte der Thessalen

Die Thessalia gibt sich auf ihrer Homepage modern und parteipolitisch neutral. Dort heißt es: „Wir Thessalen, konfessionell und parteipolitisch ungebunden, sind eine enge Gemeinschaft von Bayreuther Studenten und Absolventen der Universitäten von Prag, München, Regensburg und Bayreuth, die sich im Studium und darüber hinaus generationenübergreifend verbunden fühlen und sich gegenseitig unterstützen und fördern.“ Weiterhin setzt man sich die „Heranbildung gesellschaftlicher Umgangsformen“ als Ziel.

Diese Umgangsformen stellen sich bei näherer Betrachtung jedoch höchst fragwürdig dar. In der Diskussion ob Migranten Mitglied einer deutschen Studentenverbindung werden können äußert sich die Thessalia in der Zeitschrift der DB, den Burschenschaftlichen Blättern, folgendermaßen: „So weist Professor J. Phillipe Rushton in seinem Werk „Rasse, Evolution und Verhalten“ ein signifikantes asiatisches/europides/negrides Gefälle nach, welches in Bezug auf die Entwicklungsgeschwindigkeit, die Sterberaten, die Prsönlichkeit, da Funktionieren der Familie, die Gesetzestreue, die Sozialorganisation und andere Variablen erkennbar sei. Obwohl es sich bei den Ergebnissen sämtlicher Untersuchungen naturgemäß nur um Durchschnittswerte handelt, kann als unbestreitbar festgehalten weden, daß gewisse Charaktereigenschaften für bestimmte Völker und Arten typusbestimmend sind,…“. Wer nun denkt, dass die Fahnenstange des Rassismus hier erreicht ist irrt. Etwas später im Text heißt es: „Beispielsweise weist eine nicht-europäische Gesichts- und Körpermorphologie auf die Zugehörigkeit zu einer außereuropäischen populationsgenetischen Gruppierung und damit auf eine nicht-deutsche Abstammung hin.“ Die Mitgliedschaft von Menschen mit „nicht-europäischer Gesichts- und Körpermorphologie“ in einer deutschen Burschenschaft ist für die Thessalia somit undenkbar.

Auch zum Thema Neonazismus äußert sich die Thessalia befremdlich. In der Printausgabe der Verbandszeitschrift 03/2009 spricht Oliver Trapper, Mitglied der Thessalia und Sprecher der BG im Geschäftsjahr 2008/09, Klartext. Zu der Rechtslastigkeit von BG-Burschenschaften befragt, antwortet er: „Wo liegt das Problem?“ Die „Attribute »rechts«, »rechtsradikal« und »rechtsextrem«“ würden „im längst überholten »Rechts/Links-Schema« in der Regel synonym verwendet“. „Rechtsextremismus“ sei deshalb „mittlerweile zum politischen Kampfbegriff zur Diffamierung unliebsamer Meinungen avanciert. [..] Somit ist zwar beispielsweise das Grundrecht der Meinungsfreiheit noch auf dem Papier vorhanden, infolge der Herrschaft der »Political Correctness« aber eigentlich nichts mehr wert.

Die Bewertung

Die Positionen der Thessalia mögen altbacken und „ewiggestrig“ erscheinen, dennoch hat der außerordentliche Burschentag am Wochenende in Stuttgart gezeigt, dass diese Positionen innerhalb der Deutschen Burschenschaft nicht isoliert sind. Auch darf sich die Thessalia in Bayreuth einer gewissen Akzeptanz erfreuen. In den Räumen der Bayreuther Universität werden Veranstaltungen abgehalten, als die Sudetendeutsche Landsmannschaft im März 2011 eine Gedenkfeier zum „Tag des Selbstbestimmungsrechts und zum 4. März 1919″ im Beisein einiger Thessalen abhielt, verweigerte der damalige Oberbürgermeister Dr. Michael Hohl (CSU) die Beantwortung einer Presseanfrage. Hohl hielt bei der Veranstaltung die Gedenkrede. Dabei wäre eine öffentliche Auseinandersetzung mit den rassistischen Positionen der Thessalia und den Mitgliedern die der extremen Rechten angehören ein Schritt in die richtige Richtung.


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